Wiener Parlament - ein lohnender Blick hinter die Türen

Verfasst von: Stefan Siedler
Parlament Österreich
Parlament Österreich  Bild: Natalia Siedler
Wien hat eines seiner markantesten historischen Gebäude zurück. Nach mehrjähriger Generalsanierung ist das österreichische Parlament am Ring wieder für Besucher geöffnet. Kostenlose Führungen führen durch zentrale Bereiche des Hauses, darunter den Plenarsaal des Nationalrats und den Sitzungssaal des Bundesrats. Historische Architektur trifft dabei auf umfassend modernisierte Räume. Der Rundgang lohnt sich auch für Besucher, die sich weniger für Politik als für Geschichte und Architektur interessieren.

Errichtet nach Plänen des dänischen Architekten Theophil Hansen, gehört das Parlament zu den bedeutenden Bauwerken der Wiener Ringstraßenzeit. Der Grundstein wurde 1874 gelegt. Seine Architektur orientiert sich bewusst an der griechischen Antike und verweist damit auf die Ursprünge demokratischer Staatsformen. Nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft wurde das Gebäude erneut zum politischen Zentrum der Republik. Heute führen die Wege durch Säulenhallen, historische Sitzungssäle und Räume, in denen österreichische Parlamentsgeschichte geschrieben wurde. Damit ist das Haus weit mehr als Kulisse für den politischen Betrieb: Architektur und Geschichte lassen sich hier unmittelbar am Originalschauplatz erleben.

(Bild: Natalia Siedler)

Zwischen 2014 und 2023 wurde das Parlamentsgebäude grundlegend im Einklang mit dem Denkmalschutz und dessen Auflagen erneuert. Nach einem europaweiten Vergabeverfahren übernahm die Bietergemeinschaft Jabornegg & Pálffy die Planung, die eigentliche Bauphase dauerte von 2018 bis 2022. Eine der sichtbarsten Veränderungen ist das Glasdach über dem Nationalratssitzungssaal, das heute Tageslicht in den Saal bringt. Auch der zuvor kaum genutzte Dachbereich wurde ausgebaut und für Besucher geöffnet. Dort befinden sich das Restaurant Kelsen und ein Café mit Blick über Wien. Selbst Teile des alten Kupferdachs blieben erhalten: Gemeinsam mit der Münze Österreich wurde das Material zu Erinnerungsmünzen verarbeitet. Ein ungewöhnliches Stück Parlamentsgeschichte, das die Verbindung zwischen historischer Bausubstanz und modernem Umbau greifbar macht.

(Bild: Natalia Siedler)

Wer sich das sanierte Parlament ansehen möchte, kann dies kostenlos tun. Die öffentlichen Führungen beginnen im Demokratikum, dem Besucherzentrum an der Agora, und führen durch verschiedene Bereiche des Hauses. Auch das Palais Epstein gehört zum Angebot. Führungen finden von Montag bis Samstag statt, donnerstags werden Termine bis 21 Uhr angeboten. Für die Sicherheitskontrolle ist ein gültiger Lichtbildausweis erforderlich. Zu den Höhepunkten gehört der Plenarsaal des Nationalrats unter dem neuen Glasdach. Neben klassischen Rundgängen stehen thematische Führungen auf dem Programm, etwa zu Kunst im Parlament oder zur historischen Bibliothek. Für Familien gibt es eigene Angebote für Kinder zwischen fünf und acht Jahren. Die Anmeldung erfolgt online, anschließend wird eine Bestätigung per E-Mail verschickt oder die übrigen Plätze vor Ort offline.

(Bild: Natalia Siedler)

Weniger im Blickpunkt als der Nationalrat steht der Bundesrat, die Länderkammer des österreichischen Parlaments. Seine Mitglieder werden von den neun Landtagen entsandt und wirken an der Bundesgesetzgebung mit. In den meisten Fällen kann der Bundesrat Beschlüsse des Nationalrats durch einen Einspruch verzögern. Bei bestimmten Verfassungsänderungen, die Zuständigkeiten der Länder betreffen, ist dagegen seine ausdrückliche Zustimmung erforderlich. Der Sitzungssaal des Bundesrats gehört ebenfalls zur Führung durch das Parlament. Er wirkt zurückhaltender als der große Plenarsaal des Nationalrats und vermittelt dennoch einen guten Eindruck davon, welchen Platz der Föderalismus im politischen System Österreichs einnimmt. Gerade dieser weniger bekannte Teil des Rundgangs erklärt anschaulich, wie die Interessen der neun Bundesländer auf Bundesebene in die Gesetzgebung einbezogen werden.